Westliches Neo-Tantra
Traditionelles Tantra ist dem Westen jahrhundertelang unbekannt gewesen. Bis tief in die siebziger Jahre war Tantra aber nur Indologen und einigen außergewöhnlichen Okkultisten zugänglich und somit fast ohne Relevanz für die westlichen Kultur.
Dies begann sich mit dem Anschwellen der New-Age- und Human-Potential-Welle schnell zu ändern. Im Zuge der sexuellen Befreiung in den späten Sechziger und Siebziger Jahre kam es zu einer neuen westlichen Adaption des Tantra, in der die progressiven und befreienden Elemente im Vordergrund standen
Eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung des Tantra im Westen spielte der indische Guru und ehemalige Philosophieprofessor Bhagwan Shree Rajneesh, der sich später Osho nannte. Seiner Ansicht nach war Tantra vor allem eine alles einschließende, nicht-dualistische Weltanschauung und sollte von ritualistischem und traditionellem Ballast befreit werden. Dafür schlug er den Namen „Neo-Tantra“ vor.
Er regte verschiedene Therapeuten und Gruppenleiter an, zeitgemäße tantrische Gruppen zu konzipieren.
Oshos Einfluss ist bis heute enorm, wenn die modernen Tantra-Lehrer sich auch mehr und mehr anderer Quellen bedienen.
Ich versuche hier einige Kennzeichen der Neotantra‐Szene zu nennen, die sie von anderen Tantra‐Lehrkonzepten unterscheiden:
∙ Es wird hauptsächlich in Wochenendseminaren und fortlaufenden Jahresgruppen gelehrt, manchmal auch in Urlaubs‐Specials, die eine Woche oder länger dauern.
∙ Die Gruppendynamik spielt von Anfang an eine wichtige Rolle und wird als wesentlicher Lehrinhalt gehandelt.
∙ In der Regel werden gemischte Gruppen für Singles und Paare angeboten, (außer es handelt sich um reine Paar‐Gruppen).
∙ Ein guter Teil der Praktiken sind Paarübungen; die Partnerwahl liegt meist an den Teilnehmern und ist eine wichtige Komponente
des Seminars.
∙ Erotische und sinnliche Übungen und Rituale bilden oft die Highlights der Seminare.
∙ Partnertausch ist möglich (außer bei explizitem Paar‐Tantra), wird aber nicht gefordert.
Tantra-Massage
Seit ca. 1990 haben sich in der Tantra-Szene auch einige Formen der erotischen Massage verbreitet. Es handelt sich da um verschiedene Arten der Ganzkörpermassage mit dem Ziel, den Körper anzuregen, zu energetisieren und liebevoll zu streicheln. In manchen Fällen schließt eine Genitalmassage daran an.
Tantramassagen haben sich mittlerweile in der Wellness-Szene einen Namen gemacht und werden als bereichernde Ergänzung der anderen Tantra-Methoden erfahren. Für die mediale Öffentlichkeit ist Tantra fast zum Synonym für diese Massagen geworden.
Kritik und Würdigung des Neo-Tantra
Das so genannte Neo-Tantra ist ein ernsthafter Versuch, Sexualität und Spiritualität zu versöhnen. Aus der Tantra-Tradition hat es den Gedanken übernommen, dass sexuelle Energie die Grundform der Lebensenergie ist und der Energie des Heiligen und Spirituellen wesensverwandt. Die neue Lehre setzt an der schmerzlichen Spaltung von Sexuellem und Heiligem an und ist ein wichtiger Beitrag zur Versöhnung der Gegensätze.
Der neo-tantrische Prozess, der in der Regel in Workshops, Seminaren und längeren Trainings vermittelt wird, verbindet dabei westliche therapeutische Methoden und östliche Spiritualität und Meditation. Seminar- und Workshopteilnehmer erfahren diesen Prozess oft als tief greifend und essentiell. Sie gewinnen einen neuen, sanfteren und selbstbestimmteren Zugang zum sinnlichen In-der-Welt-Sein im Allgemeinen und zur eigenen Sexualität im Besonderen.
Die Bedeutung von Sinnlichkeit, Partnerschaft und Intimität hat einen sehr hohen Stellenwert im Vergleich zur traditionellen Lehre. Somit kümmert sich Neo-Tantra um einige der wesentlichen Bedürfnisse der modernen Zeit.
Ein anderer, nicht zu unterschätzender Aspekt ist, dass die Teilnehmer starke Gruppenerfahrungen machen, vor allem auch in Verbindung mit Methoden der emotionalen Katharsis und der Tatsache, dass das sexuelle Thema immer präsent und manifest ist. Bei guter Anleitung kann daraus ein gestärktes Selbstbild als Mann oder Frau daraus hervorgehen.
Im vielen Tantragruppen wird auch das Konzept ausschließlicher Sexualität in der Partnerschaft ausdrücklich hinterfragt und neue Wege, Sinnlichkeit, Lust und auch Sexualität auch mit anderen zu teilen, nicht nur diskutiert, sondern in einem entsprechend achtsamen Rahmen auch angeleitet.
Man könnte Neo-Tantra also als eine Art Gruppentherapie oder Gruppenselbsterfahrung ansehen, in der es im Kern um den Themenbereich Liebe, Sexualität, Partnerschaft und eigene Lebendigkeit geht. In vielen Fällen wird bei den Teilnehmern eine Heilung und ein Durchbruch erfahren, der zu einem größeren Interesse an Transzendenz und Spiritualität führt.
Aus der Welt der Tantra-Tradition hat das Neo-Tantra in postmoderner Art einige Elemente übernommen und einige weggelassen. Meist wird mit den Chakras gearbeitet, wenn auch auf eine nicht-traditionelle und eher psychologisch und selbsterfahrungsbezogene Weise. Die Methoden des Yoga und Pranayama werden nur in einigen Instituten angewandt, die meisten geben westlichen Methoden wie Bioenergetik und den Osho-Meditationen den Vorzug.
Die nicht-duale essentielle Philosophie der Tantras wird im neo-tantrischen Kontext entweder selten bemüht oder auf eine Weise verflacht, die Chögyam Trungpa wohl „spirituellen Materialismus“ genannt hätte.
Aus Sicht der Integralen Lehre ist Neo-Tantra ein Tummelplatz von selbsterfahrungshungrigen Leuten, die eher an einer bestimmten Art des Lifestyles interessiert sind als an einem ernsten spirituellen Wachstum. Neo-Tantra liefert ihnen eine Spielweise, in der vieles erlaubt und wenig verboten ist, die Möglichkeit, sich selbst in erotischen Kontexten zu erfahren, sowie eine „spirituelle Lehre“, die sich manchmal auf das einfache Akzeptieren des So-Seins beschränkt, ohne Notwendigkeit einer disziplinierten Weiterentwicklung oder der Befolgung ethischer Prinzipien.
All das führt dazu, dass Menschen mit ernsthaften Wachstumsinteresse das Neo-Tantra als Durchlauferhitzer oder Zwischenstation ansehen und sich im Laufe der Jahre anderen Wegen zuwenden.
Das wird den Lehrern dieser Richtung auch immer klarer, und sie sind seit Jahren bestrebt, ihre Seminare auf eine solidere spirituelle Basis zu heben. Somit gibt es in der Szene eine positive Bewegung, auch zur Beschäftigung mit ernsthaften spirituellen Lehren und eben auch mit den hinduistischen und buddhistischen Wurzeln des Tantra.
Aus der Perspektive des integralen Tantra hat die neo-tantrische Bewegung den ersten Schritt getan, tantrisches Gedankengut im Westen populär und allgemein zugänglich zu machen. Die Beschäftigung mit Sexualität, die therapeutische Arbeit, die hier geleistet wird, die Beiträge zur Heilung der Konflikte von Mann und Frau sind hier vorbehaltlos zu würdigen. Sie müssen in das Konzept eines integralen Tantra übernommen werden ohne Wenn und Aber.
Was fehlt, ist ein gutes und explizites Modell des spirituellen Wachstums. Neo-Tantra könnte sehr von einer Aufwertung des Geistigen und einem Hintergrund wie dem AQAL-System von Wilber profitieren.
Ein wichtiges Anliegen des integralen Tantra ist, regelmäßige spirituelle Praxis beim einzelnen zu ermutigen, z.B. tägliche Körperarbeit, Atemarbeit und Meditation. Im Neo-Tantra wird oft zu sehr das Emotionelle, das Element der Selbsterfahrung in den Vordergrund gedrängt zuungunsten der viel tiefer gehenden Wirkungen einer dauerhaften Verankerung in einer täglichen Praxis.
Der einzelne wird durch die herausfordernde Selbsterfahrung in einem erotischen Feld zu oft destabilisiert, aus der Mitte geworfen. Eine weise Tantra-Konzeption setzt dem stabilisierende regelmäßige Elemente eines langsamen aber steten Kern-Wachstums entgegen.
Ein Nachteil des westlich-therapeutischen Tantra ist meines Erachtens nach das Fehlen eines ethischen Rahmens, was dazu führt, dass sich der einzelne entweder an herkömmlichen ethischen Normen orientiert oder an postmodern-hedonistischen Anything-goes-Ideen.
Ein integrales Tantra wird die Mühe nicht scheuen, eine niveauvolle ethische Ausrichtung unter Berücksichtigung der ethischen Gedanken aus den Traditionen und einer umsichtigen Diskussion, die westliche Werte und die heutige Situation würdigt, zu formulieren und das Bewusstsein der Schüler dafür wach zu halten.

