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Traditionelles Tantra

Die Tantra-Tradition

Tantra  ist  von  seinen  indischen  Ursprüngen  her  ein  außergewöhnlicher spiritueller Pfad, dessen Ziel die vollständige Befreiung und Transformation des  gewöhnlichen  Bewusstseins  ist.  
Es gibt eine tantrische Tradition, die hinduistisch geprägt ist, und ein buddhistisches Tantra. Die traditionellen Tantras beider Richtungen  wenden sich an Praktizierende, die hohe  Ziele  anstreben  und  Befreiung  vom  Leiden,  dauerhaftes  Glück  und Erleuchtung erreichen wollen. Die tantrische Sichtweise ist dabei so geerdet und lebensnah, dass praktisch alles, was einem widerfährt, als Mittel für den spirituellen Weg genutzt werden kann.

Genaues und detailliertes Wissen über die Tantra-Tradition stelle ich auf meiner Seite www.tantra-tradition.de bereit.

Einige  typische Kriterien  machen das spezifisch Tantrische aus. Dazu gehören:

1. Experimenteller Ansatz
Im Gegensatz zu vielen anderen Lehren, darin aber dem Zen und dem Tao ähnlich, ist im Tantra die Erfahrung und das persönliche Experiment wichtiger als Dogmatismus und philosophische Spekulation. Damit geht meist
eine kritische Einstellung gegenüber orthodoxen Glaubenssystemen, Philosophien und Moralauffassungen einher.
 
2. Nichtdualität
Kennzeichnend für das traditionelle Tantra der Hochphase (nach dem 9.Jahrhundert) ist eine nichtduale Sichtweise. Damit meine ich, dass weder die materielle noch die spirituelle Welt als absolut gesehen werden – eher sind sie beide nur Manifestationen einer höheren Realität. Diese Realität ist aber nichts anderes als unsere allgegenwärtige wahre Natur. Das Göttliche ist nicht in irgendeiner jenseitigen Sphäre, sondern durchdringt unsere alltägliche Welt.

3. Polarität
Das Absolute wird, wenn auch ungeteilt, im Tantra oft als göttliche Polarität, als Vereinigung einer männlichen und einer weiblichen Gottheiten angesehen.  In  vielen  Richtungen  wird  dem  weiblichen  Aspekt  dabei  eine besondere Verehrung entgegengebracht.

4. Feinstofflicher Körper
Tantrische Schriften beruhen auf einem inneren Modell des feinstofflichen menschlichen Körpers und beschreiben Wege zur Energiegewinnung und -kanalisierung.  Sie  zielen  ab  auf  die  Befreiung  und  Erleuchtung  durch  die Aktivierung  einer  außergewöhnlichen  Kraft,  die  im  menschlichen  Körper schläft.  Im  Hinduismus  wird  hier  von  der  Kundalini  gesprochen,  die mit Shakti, dem weiblichen Prinzip, gleichgesetzt wird. Im tibetischen Buddhismus spricht man von tummo, dem inneren Feuer.

5. Positive Einstellung zu Körper, Weltlichkeit und Sexualität
Die  Haltung  zum  menschlichen  Körper  ist  in  der  Regel  positiv:  Er  soll gepflegt, gestärkt und gemeistert werden. In vielen Schulen wird auch die Sexualität in die Praxis miteinbezogen. Sexuelle Energie ist für die Tantriker eine wichtige Grundsubstanz, die weise genutzt werden sollte, um den spirituellen Prozess zu unterstützen, anstelle sie durch bloße Lustabfuhr zu verschwenden.  

6. Magisches Universum
Tantrische  Schriften  zeichnen  eine  Landkarte  der  Welt  voller  magischer Analogien und vertreten die Auffassung, dass der Mensch einen Mikrokosmos darstellt, in dem dieselben Regeln wie im Makrokosmos gelten; sie zeigen  daher  ein  großes  Interesse  an Ritualen,  Symbolmagie,  Astrologie, Alchimie,  experimentellen  Methoden  und  doppeldeutigen  Textformulierungen. Spirituelle Verwirklichung  führt nach dieser  Auffassung  zu  einer Vielzahl okkulter Kräfte, im Indischen siddhi genannt.

7. Geheimwissen und das Guru-Prinzip
Traditionelles  Tantra  ist  immer  Geheimwissen,  das  innerhalb  von  Übertragungslinien von Lehrer zu Schüler weitergegeben wird. Die tantrischen Schriften  werden  als  Offenbarungen  von  Gottheiten  oder  vergöttlichten Meistern angesehen und sind ihrem Inhalt nach für Uneingeweihte kaum verständlich. Darin ähneln sie den europäischen alchimistischen oder mystischen Texten des Mittelalters.

Hinduistisches und Buddhistisches Tantra

Das hinduistische und das buddhistische Tantra unterscheiden sich in ihrer Philosophie mehr als in der Praxis. Im Hindu-Tantra ist das Universum Realität, die durch unseren Geist zersplittert erscheint. Der Weg des Tantra führt zurück zur Einheit.
Im Buddhismus sind die Dinge „leer“ und bedingt entstanden, somit eigentlich substanzlos, jedoch erscheinen sie in der relativen Welt als real.

Chakras, Nadis und die Kundalini-Kraft

Die tantrische Auffassung des menschlichen Körpers als Mikrokosmos unterscheidet sich nicht wesentlich von den Ideen des Yoga. Neben dem physischen Körper hat der Mensch noch mindestens zwei feinere Körper, den subtilen und den kausalen Körper.
Der Subtilkörper ist wie ein zugrunde liegender Energieschaltkreis. Prana, die grundlegende Energie, die mehrere Formen hat, läuft durch Energiekanäle, Nadis genannt, und steuert so die physischen, emotionalen und geistigen Zustände. Bestimmte Energieknotenpunkte entlang der Wirbelsäule, Chakras genannt, sind dabei besonders bedeutsam, weil sie sowohl eine hierarchische Ebene der Höherentwicklung vom profanen Menschen zum voll erleuchteten Individuum anzeigen, als auch Schaltzentralen zwischen den verschiedenen „Körpern“ und die mit ihnen verbundenen Energien darstellen.
Durch konsequente Tantra-Praxis wird die Kundalini-Energie angeregt und steigt durch das mittlere Nadi entlang der Wirbelsäule auf, durchquert dabei die Chakras vom Damm bis zum Scheitel. Kundalini ist für die Tantriker eine Personifizierung der kosmischen Shakti-Ur-Energie. Dieser Aufstiegsprozess bedeutet für den einzelnen eine tiefe und entscheidende Transformation hin zu einem nicht-dualen Bewusstsein und ist von großer Wonne begleitet. Er beinhaltet jedoch auch Gefahren bei unsachgemäßer Handhabung.

Die tantrische Sadhana

Die kontinuierlich vollzogene tantrische Praxis wird Sadhana genannt. Sie ist anspruchsvoll, fordernd und vielseitig. Sie beinhaltet verschiedene Elemente für Körper, Geist und Sinne.
Wesentlich am Tantra ist der Guru, der in einem Initiationsprozess das Tantra-Wissen auf den Schüler überträgt. Außerhalb der Initiation sollte kein traditionelles Tantra betrieben werden.

Ziel des Tantra ist moksha bzw. samarasa, der erleuchtete Zustand des Körpers und des Geistes, der gleichzeitig ein spontanes In-der-Welt-Sein beinhaltet. Spezifisch für Tantra ist jedoch auch ein positives Interesse an den Siddhis, den magischen Kräften, die der Adept auf seinem Weg erwirbt. Im Tantra ist weltlicher Erfolg ebenso erlaubt wie geistiger und sie gehen Hand in Hand.
 
Elemente der tantrischen Praxis sind
1.die Visualisierung ikonographisch exakter archteypischer Gottheiten
2. Rezitation magischer Silben, Mantra, dies ist ein gewichtiger Hauptteil der Praxis
3. Praxis mit symbolischen Yantra oder Mandala genannten Diagrammen
4. Nyasa bzw. die Projektion bestimmter Kräfte oder Gottheiten in bestimmte Körperteile
5. Mudra – das Einnehmen bestimmter Körperhaltungen
6. Bhuta-Shuddhi - Reinigung der fünf Elemente
All diese Praktiken kreieren ein magisches zusammenhängendes Universum, das durch vielfache Analogien zutiefst sinnstiftend ist.

Tantrischer Yoga

Tantra ist eng mit der „Wissenschaft“ des Yoga verbunden. Der heute bekannteste Zweig des Yoga, der Hatha-Yoga, baut auf einer tantrischen Sichtweise auf.

Tantrischer Yoga betont die körperliche Gesundheit und Vollkommenheit. Die Stufen von Asana, Einnehmen von Körperhaltungen, und Pranayama, yogischen Atemübungen, sind besonders hervorgehoben.
Wesentlich und entscheidend ist jedoch das Kundalini-Yoga, also eine gezielte und stete Praxis zur Erweckung der Urenergie im eigenen Körper. Eine langjährige Vorbereitung und Reinigung scheint angebracht. Es gibt verschiedene Methoden der Kundalini-Erweckung, mit denen sich die indische Philosophie ausführlich beschäftigt hat.
Durch die Umkehrung und Anhaltung bestimmter Lebensprozesse wird der Körper mit Ojas angereichert, eine Form spiritueller Energie, die hilfreich zur Kundalini-Erweckung ist. Pranayama, Fasten, Schweigen, Zurückhaltung des Samens, sattvische Ernährung, ethische Lebensführung: all das gehört zum Pogramm des Kundalini-Yoga dazu. Wichtig ist die Begleitung eines kompetenten Lehrers, denn hier spielt man mit enormen Kräften.

In der modernen Welt hat sich zwischen Tantra, der Methode des Eksatisch-Spontanen und Yoga, dem Weg des Willens und der Disziplin, ein Graben aufgetan, den zu schließen eine Kulturaufgabe wäre.

Tantra der linken Hand

Der linkshändige Weg des Tantra wendet sich an willensstarke und ethische Menschen, die bestimmte Qualitäten haben. Im Gegensatz zum gewöhnlichen „Pashu“ = Tier ist der „Vira“ = Held in der Lage, paradoxe Handlungen zu vollziehen, und Energie aus gezielten rituellen Tabubrüchen umzuwandeln. Dies erfordert hohe Wachheit und Konzentration sowie die Bereitschaft, jenseits gesellschaftlicher Moralschranken zu leben.
Traditionell gesehen vollziehen Viras Rituale, in denen Tabus der Veden wie der Genuss von Wein, Fleisch und Fisch rituell gebrochen werden, ebenso wird der Geschlechtsverkehr rituell vollzogen. Auch Drogen und weitere Tabu-Substanzen werden zuweilen eingesetzt. Diese Rituale sind hochsakral und sollen äußerst subtile Energien freisetzen, sind also nicht mit profanen Ausschweifungen zu vergleichen. Dennoch hat diese Praxis den tantrischen Weg in Indien in Verruf gebracht.

Manche Rituale finden in der tantrischen Versammlung in der Gruppe statt. Die Partnerin für das Ritual wird in der Regel ausgelost oder vom Guru bestimmt.
Man findet in der Literatur aber auch tägliche sexuelle Rituale, die für Paare geeignet scheinen.
Der innere Zustand der Tantriker beim Ritual ist ein schwer zu beschreibender glückseliger Zustand, der in Verbindung mit der Erweckung der Kundalini steht.

Der buddhistische Pfad

Der Weg des buddhistischen Tantra ist durch lange Tradition zusammengefasst und kanonisiert worden. Es ist ein stufenweiser Weg voller Klarheit. Es geht um die Erkenntnis der Leerheit und gleichzeitigen Glückseligkeit, der uns allen innewohnenden Buddha-Natur, die uns nur verschleiert erscheint.
Nach einem Training der grundlegenden Begriffe der Hinayana- und Mahayana-Stufe des Buddhismus erfolgen die Schritte der Zufluchtnahme, des Bodhisattva-Gelübdes und, nach langwierigen vorbereitenden Übungen, der Initiation durch den Guru (Lama) in ein bestimmtes Mandala.

Die eigentliche Tantra-Praxis gliedert sich in zwei Phasen: in der ersten, der Erzeugungsphase, wird mit Hilfe eines täglichen Sadhana die Gottheit (Yidam) visualisiert, bis man sich selbst ständig als Form der Gottheit sehen kann, was tief greifende Transformationsprozesse nach sich zieht. In der zweiten Phase, der Vollendungsphase, wird eine Feinkörperpraxis vollzogen, die der Kundalini-Praxis im Hindu-Tantra sehr ähnelt, mit der Folge der völligen Erkenntnis der Leerheit, der Erfahrung großer Glückseligkeit und innerer Hitze (Tummo). In den hohen Stufen kommt eine spezifische sexuelle Praxis dazu.


Kritische Aspekte

Neben  den  vielen  großartigen,  auch aus  heutiger  Sicht  bahnbrechenden Erkenntnissen der tantrischen Traditionen können wir auch einige problematische Punkte beobachten, in denen die Praxis noch in alten konventionellen Modellen feststeckt.
Das klassische Tantra beruft sich auf traditionelle hinduistische bzw. buddhistische Modelle, die z.T. außerordentlich anspruchsvoll sind. Sie lassen sich  aus  unterschiedlichen  Gründen  jedoch  nicht  eins  zu  eins  in  unsere Lebenswirklichkeit  übertragen.  In  den  tantrischen  Schriften  stehen  wahre Goldnuggets dicht neben vorurteilsbedingter indischer Ritualistik und Folk‐
lore.  Beide  Lehren  sind  aufgrund  der  strengen  Geheimhaltungspraxis  der Traditions‐Bewahrer  für  den  westlichen  Menschen  kaum  zugänglich  und erfordern  es,  dass  man  sich  auf  einen  mittelalterlich  anmutenden,  fremdartigen Kontext, einlassen muss.
Daher habe ich den Versuch unternommen (was meiner Kenntnis nach im Rahmen des tantrischen Weges bisher noch nicht systematisch geleistet worden ist), verschiedene Elemente der tantrischen Tradition, die nicht ohne Weiteres in ein modernes Weltbild zu integrieren sind, aus Sicht des integralen Tantra kritisch zu diskutieren und im Zweifelsfall zu modifizieren.

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